• 01.07.2026
  • Branchenartikel

Resilienz stärken: Warum Sicherheit nur gemeinsam gelingt

Berlin, Reutlingen, Regensburg: Drei (versuchte) Brandanschläge machen deutlich, wie schnell Störungen weitreichende Folgen für die Versorgung haben können, und warum Resilienz zur zentralen Sicherheitsaufgabe unserer Zeit wird.

Geschrieben von Alice Vicentini

Nahaufnahme eines Strommasts mit Isolatoren und einem gelben Warnschild „Kritische Infrastruktur“.
Hinweisschild kennzeichnet einen Strommast als Teil der kritischen Infrastruktur.

Anfang Januar 2026 führte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin zu einem großflächigen Stromausfall. Rund 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen waren zeitweise ohne Strom und damit auch ohne Heizung, Internet und Mobilfunk. Die Hauptstadt rief eine Großschadenslage aus. Nur wenige Monate später legte ein Feuer ein Umspannwerk in Reutlingen in Baden-Württemberg lahm. Rund 30.000 Menschen in 7.600 Haushalten waren von den Folgen betroffen. Und auch in Bayern rückte letztens die Sicherheit kritischer Versorgungsstrukturen in den Fokus: Nach einer gescheiterten Brandstiftung an einem Strommast bei Pentling kam es zu einem Kabelbrand am Wasserkraftwerk Regensburg. Zwar blieb ein Stromausfall aus, doch eine Kamera an der Schleuse Bad Abbach fiel aus und Schiffe mussten kurzfristig auf Sicht navigieren. Die Vorfälle unterscheiden sich in Ausmaß und Folgen. Gemeinsam zeigen sie jedoch, wie verletzlich Versorgungsstrukturen geworden sind. Gleichzeitig wird klar, dass Sicherheit nicht allein daran gemessen werden kann, ob ein Vorfall verhindert wird. Entscheidend ist vielmehr, wie schnell Risiken erkannt, Auswirkungen begrenzt und betroffene Systeme wieder in einen stabilen Betrieb überführt werden können. Auch der Umgang des Berliner Regierenden Bürgermeisters mit dem Stromausfall zeigt: Resilienz ist auch eine Frage klarer Verantwortlichkeiten und transparenter Kommunikation. 

Mit Resilienz versteht man die Fähigkeit von Organisationen, Infrastrukturen und Gesellschaften, sich vor einem Vorfall zu schützen, einen Vorfall abzuwehren, auf einen Vorfall zu reagieren, die Folgen eines Vorfalls zu begrenzen, einen Vorfall abzufangen und zu bewältigen.

Resilienz ja, aber wie?

Zu den Maßnahmen, die Resilienz schaffen, gehören technische und bauliche Schutzmaßnahmen ebenso wie organisatorische Vorkehrungen: von der Überwachung und Detektion potenzieller Gefahren über Zutrittskontrollen und Perimeterschutz bis hin zu Notfallplänen, Krisenstrukturen und Redundanzen für kritische Prozesse. Mit den steigenden Bedrohungen – etwa hybriden Gefahren (Sabotage und Spionage), Extremwetterereignissen sowie menschlichem oder technischem Versagen – wächst auch die Verantwortung von Betreibern, Behörden und Unternehmen. Entscheidend für die Stärkung der Resilienz ist eine solide Vorbereitung. Regelmäßige Risikoanalysen, Übungen und die kontinuierliche Weiterentwicklung von Sicherheitskonzepten sind wesentliche Voraussetzungen dafür, auch unter außergewöhnlichen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.

 

KRITIS-Dachgesetz: Resilienz braucht einen regulatorischen Rahmen

Aus freiwilliger Vorsorge wird damit eine verbindliche Aufgabe. Das Dachgesetz zur Stärkung der physischen Resilienz kritischer Anlagen (KRITIS-Dachgesetz), das seit dem 17. März 2026 gilt, macht die physische Resilienz kritischer Anlagen zu einer verbindlichen Aufgabe und überführt viele Anforderungen, die in der Praxis längst relevant sind, in einen regulatorischen Rahmen. Betreiber kritischer Anlagen werden zur Registrierung auf der gemeinsamen Plattform von BBK und BSI innerhalb von drei Monaten verpflichtet, nachdem eine Anlage als kritisch gilt. Sie müssen dann Risiken systematisch betrachten, geeignete Schutz- und Resilienzmaßnahmen ableiten sowie klare Strukturen für Registrierung, Meldewege und Verantwortlichkeiten schaffen. Zu den betroffenen Anlagen gehören Betreiber kritischer Einrichtungen, deren Ausfall erhebliche Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit, öffentliche Ordnung oder gesellschaftliche Stabilität hätten:

  • Energie
  • Verkehr und Transport
  • Finanzen und Versicherung
  • Gesundheitswesen
  • Trinkwasser und Abwasser
  • Ernährung
  • IT und Telekommunikation
  • Weltraum
  • Siedlungsabfallentsorgung
  • Staat- und Sozialversicherung

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stuft in Deutschland etwa 30.000 Einrichtungen als KRITIS-relevant ein. Doch Stand März hatten sich erst 11.000 registriert. Zeit haben sie bis zum 17. Juli 2026.

 

Resilienz braucht Austausch

Doch so wichtig klare gesetzliche Vorgaben sind: Es braucht mehr als Registrierungspflichten, um Resilienz aufzubauen. Entscheidend ist, dass Sicherheitskonzepte über einzelne Anlagen hinausgedacht werden. Denn ein Vorfall betrifft selten nur einen einzelnen Standort oder Betreiber. Lieferketten, Verkehrswege, Kommunikationsnetze und Energieversorgung sind eng miteinander verknüpft. Technische Störungen können schnell wirtschaftliche oder gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen.

Resilienz ist deshalb nicht allein Aufgabe einzelner Organisationen, sondern eine gemeinsame Aufgabe von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

Regulatorik wie das KRITIS-Dachgesetz und State-of-the-Art-Technologien wie Drohnen und digitale Zwillinge allein reichen nicht aus. Ebenso wichtig ist der Austausch von Wissen und Erfahrungen. Denn Sicherheitsverantwortliche stehen heute vor ähnlichen Herausforderungen: steigende Bedrohungslagen, komplexere Infrastrukturen, neue regulatorische Anforderungen und begrenzte Ressourcen. Genau deshalb gewinnen Plattformen für den interdisziplinären Austausch an Bedeutung.

Genau hier setzt die Perimeter Protection an. Vom 19. bis zum 21. Januar 2027 bringt Europas Leitmesse für integrierten Perimeterschutz die relevanten Akteure der Sicherheitsbranche in Nürnberg zusammen. In einer Stadt, die mit Veranstaltungen wie der Perimeter Protection, der it-sa, Europas Fachmesse für IT-Sicherheit, und der Enforce Tac, Deutschlands Leitmesse für Sicherheit und Verteidigung, einen der wichtigsten Sicherheitscluster Europas bildet, diskutieren Experten die Zukunft des Schutzes kritischer Infrastrukturen – von aktuellen regulatorischen Anforderungen über innovative Technologien bis hin zu ganzheitlichen Resilienzstrategien.

Denn die jüngsten Ereignisse zeigen: Die Sicherheit kritischer Infrastrukturen ist eine zentrale Voraussetzung für die Stabilität von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft.

Autor

Porträts von Alice Vicentini
Alice Vicentini
Redakteurin