• 12.10.2026
  • Branchenartikel

Perimeterschutz zwischen Altstadtflair und Sicherheitsanforderungen

Zwischen Tiefgaragendecken, Bodendenkmälern und belebten Stadtzentren wird Perimeterschutz zur planerischen Herausforderung. Besonders in historischen Zentren müssen Schutzwirkung, Aufenthaltsqualität und der Erhalt der Bausubstanz sorgfältig aufeinander abgestimmt werden, wie ein Blick auf Nürnberg zeigt.

Geschrieben von Alexander Stark

Blick über die Nürnberger Altstadt mit historischen Gebäuden, Fußgängerbereichen, Straßenverkehr und zahlreichen Passanten im öffentlichen Raum.
Die Nürnberger Altstadt verdeutlicht die Herausforderungen des Perimeterschutzes in historischen Stadtzentren: Sicherheitsmaßnahmen müssen hier Schutzwirkung, urbane Nutzung und den Erhalt denkmalgeschützter Bausubstanz in Einklang bringen.

In Innenstädten mit Fußgängerzonen, schmalen Gassen oder viel befahrenen Straßen unterscheidet sich der Perimeterschutz grundlegend von dem eines klassischen Werksgeländes. Der zu sichernde Raum ist zugleich Lebensumfeld, Aufenthaltsort, Wirtschaftsstandort und Verkehrsfläche. Lieferverkehr, Rettungskräfte, Reinigung, Märkte und Veranstaltungen müssen weiterhin möglich sein. „Ein Schutzkonzept, das diese Abläufe nicht berücksichtigt, wird im Alltag schnell umgangen oder dauerhaft geöffnet“, warnt Francis Seijas, Geschäftsführer des Experten für Zufahrtsregelung Consel Group / Consel Deutschland GmbH. „Dann verliert es seine Wirkung – unabhängig davon, wie leistungsfähig die eingesetzten Sperrelemente sind.“

Gleichzeitig müssen Barrierefreiheit, taktile Führung, Fuss- und Radverkehr, Flucht- und Rettungswege, Blickachsen, Beleuchtung, Reinigung und Winterdienst, Entwässerung sowie die Vermeidung von Stolperstellen berücksichtigt werden. „Die Schutzlinie sollte möglichst selbstverständlich Teil des Freiraums sein und nicht wie eine nachträglich aufgesetzte Sicherheitsinstallation wirken“, betont Seijas.

Deshalb beginnt die Planung im städtischen Raum nicht mit der Auswahl einer bestimmten Schutzinstallation. Am Anfang stehen vielmehr das Schutzziel, die Gefährdungsbeurteilung und eine sorgfältige Standortanalyse.

 

Anfahrschutz in die Stadtgestaltung integrieren

Soll beispielsweise ein Angriff oder das Eindringen mit Fahrzeugen verhindert werden, sind für jeden relevanten Anfahrtsweg mehrere Faktoren zu bewerten. Dazu zählen Fahrzeugart und -masse, die erreichbare Geschwindigkeit, der Anprallwinkel sowie die maximal zulässige Eindringtiefe.


Auf dieser Grundlage lässt sich anschließend die Schutzfunktion mit der Stadtgestaltung verbinden. „Begrünte, steingefüllte Drahtkörbe oder Sitzbänke mit Betonsockel und Holzauflage wirken weniger wie ein Anfahrschutz“, erläutert Frank Sperling, Sicherheitsberater bei VZM (Von Zur Mühlen'sche GmbH). Auch massive, fest im Boden verankerte Mülleimer kommen nach seinen Worten als zurückhaltend gestaltete Schutzelemente infrage. Als Beispiel nennt er die Zentrale von 50Hertz am Berliner Hauptbahnhof, wo sich die Sicherung nahezu unauffällig in das Umfeld einfügt.

Auch die Geometrie des Ortes spielt hier eine wichtige Rolle. Enge Kurven, Versätze oder kurze Beschleunigungsstrecken können die erreichbare Geschwindigkeit und damit die Aufprallenergie reduzieren. „Zufahrten sollten so gestaltet sein, dass Fahrzeuge nicht geradlinig auf Gebäude zufahren können, sondern durch Richtungswechsel abgebremst werden“, so Sperling.

 

Wenn der Denkmalschutz mitgeplant wird

In Neubaugebieten und bei Projekten auf der grünen Wiese lässt sich der Perimeterschutz meist frühzeitig in das Gesamtkonzept einbinden. Deutlich anspruchsvoller ist die Planung in gewachsenen Stadtzentren und Altstädten mit denkmalgeschützter Bausubstanz. Banken in historischen Gebäuden, alte Gerichtsgebäude oder jahrhundertealte Rathäuser prägen das Stadtbild und erfüllen weiterhin wichtige Funktionen. Ihr Schutz muss daher heutigen Sicherheitsanforderungen ebenso gerecht werden wie dem Erhalt der historischen Substanz. Nürnberg zeigt beispielhaft, wie Perimeter- und Denkmalschutz gemeinsam geplant werden können.

„Gerade die historischen Stadtbereiche weisen in der Regel eine erhöhte Dichte an Bauwerken von überregionaler Bedeutung auf. Diese Gebäude stehen dementsprechend im Fokus des öffentlichen Interesses, haben dadurch aber gleichzeitig auch ein erhöhtes Gefährdungsrisiko“, sagt Dr. Marco Popp, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde in Nürnberg. Zugleich bilde die historische Altstadt Nürnbergs in ihrer Gesamtheit ein wertvolles, schutzbedürftiges Kulturerbe. Dieses gelte es zu erhalten und vor negativen Einflüssen zu bewahren.

Daraus ergeben sich je nach Nutzung unterschiedliche Lösungen. Für Freiflächen, auf denen nur zeitweise Veranstaltungen mit Schutzbedarf stattfinden, genügen laut Dr. Popp häufig temporäre Installationen. Sensible Objekte lassen sich hingegen meist durch zurückhaltende, baulich und denkmalfachlich abgestimmte Modifikationen sichern. Diese können an Fassaden, aber auch in Innenräumen vorgenommen werden. „Genannt seien hier etwa einbruchssichere Fenster und Türen bis hin zu Überwachungsanlagen an und in besonders sensiblen Bereichen“, so Popp. Ziel sei eine möglichst unauffällige Einbindung sicherheitsrelevanter Technik und Ausstattung, um das Erscheinungsbild so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.

 

Historische Fassaden unauffällig sichern

Gerade an historischen Fassaden kann diese zurückhaltende Integration aufwendigere Technik erfordern, wie Frank Sperling von VZM erläutert: „Auffällige Kameras zur Fassadenüberwachung sind zwar günstiger, lassen sich aber aus gestalterischen oder denkmalpflegerischen Gründen oftmals nicht durchsetzen.“ Eine Alternative seien verdeckt installierte Systeme, die mit Laserfächern arbeiten, jedoch höhere Kosten verursachen.

Ähnliche Anforderungen gelten für historische Fenster und Türen. Ihr Erhalt könne die Umsetzung des Einbruchschutzes erschweren. „Die erreichbare Widerstandsklasse wird dadurch eingeschränkt, sodass zusätzliche, kostenintensive Schutzmaßnahmen erforderlich werden können“, so Sperling. Er empfiehlt deshalb, Sicherheitsanforderungen frühzeitig in die Architektur- und Freiraumplanung einzubeziehen. „Security by Design bedeutet, Sicherheit von Anfang an mitzudenken. Auch Fassaden der Widerstandsklasse RC3 können architektonisch ansprechend gestaltet sein.“


Wie das umgesetzt werden kann, zeigt ein Schmuckgeschäft in der Nürnberger Kaiserstraße. Beim Ladenumbau wurden spezielle Gläser und Fassadenelemente eingesetzt, um ein Durchbrechen der Schaufensterfront mit Kraftfahrzeugen zu verhindern. „Die Gestaltung ist trotz der erhöhten Sicherheitsanforderungen ansprechend und ensemblegerecht. Die erhöhte Schutzfunktion der Fassade wird auf den ersten Blick nicht wahrgenommen“, betont Dr. Popp.

 

Schutzkonzepte an die vorhandene Bausubstanz anpassen

Wo bauliche oder technische Maßnahmen Eingriffe in die historische Substanz erfordern, können personelle Lösungen sinnvoller sein. „Ein historisches Tor zu einem Stadtschloss lässt sich nicht ohne Weiteres für die Verkabelung aufbohren. Eine Alternative kann die Kombination aus Kameraüberwachung und Sicherheitsdienst sein“, meint Sperling.

Gerade deshalb hebt Francis Seijas die Bedeutung einer frühzeitigen Zusammenarbeit aller beteiligten Fachbereiche hervor – von Denkmalpflege und Architektur über Landschaftsarchitektur und Tiefbau bis zur Sicherheitsfachplanung. „Auch Bemusterungen im realen Licht- und Materialkontext helfen bei der Abstimmung. Reversible Eingriffe können dabei Vorteile bieten, ersetzen aber keinen projektspezifischen denkmalpflegerischen und sicherheitstechnischen Nachweis“, meint Seijas.

Wie reversible Lösungen in der Praxis aussehen, zeigt nach Angaben von Dr. Popp das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Wegen des geschichtlichen Hintergrunds und der Monumentalität der Gebäude werden dort in einigen Bereichen mobile Standardbetonschutzwände als Durchfahrschutz eingesetzt. Auch bei innerstädtischen Veranstaltungen wie dem Bardentreffen kommen mobile Schutzeinrichtungen zum Einsatz. Da sie nur für kurze Zeit aufgestellt werden, bedürfen sie keiner besonderen denkmalfachlichen Abstimmung. Teilweise sind sie farblich bewusst zurückhaltend gestaltet.

Reversible Systeme sind auch dort von Vorteil, wo Arbeiten im Untergrund problematisch wären, etwa in der Nähe von Bodendenkmälern oder archäologischen Verdachtsflächen. In Nürnberg werden solche Maßnahmen im denkmalschutzrechtlichen Erlaubnisverfahren entsprechend beauflagt. Bei Aufgrabungsarbeiten ist eine archäologische Begleitung erforderlich. „Treten dabei Bodendenkmäler zutage, so sind diese zu dokumentieren und das Fundmaterial wird geborgen“, erklärt Dr. Popp.

 

Der Untergrund bestimmt die Planung mit

Nicht nur in historischen Bereichen, auch in moderneren Stadtquartieren bestimmt der Untergrund die Planung. Unter Straßen und Plätzen liegen Tiefgaragen, Kanäle, Keller und Versorgungsleitungen. Consel wertet daher zunächst Werkleitungspläne aus, ortet vorhandene Leitungen und untersucht den Boden bei Bedarf mit Georadar oder Suchschlitzen. Hinzu kommen Prüfungen von Baugrund, Grundwasser, Entwässerung und Frosttiefe. „Bei Tiefgaragendecken, Unterführungen oder historischen Gewölben muss zudem frühzeitig beurteilt werden, wie tragfähig die vorhandene Konstruktion tatsächlich ist“, erklärt Seijas. Ein häufiger Planungsfehler bestehe darin, zuerst ein Produkt auszuwählen und den Untergrund erst danach zu untersuchen. Consel gehe umgekehrt vor: Zunächst würden die örtlichen Voraussetzungen geklärt, anschließend das passende Schutzsystem bestimmt.

Besonders deutlich wird dieses Vorgehen bei Tiefgaragendecken. Hier ist zu prüfen, ob die vorhandene Konstruktion dynamische Anpralllasten aufnehmen kann. Mögliche Lösungen sind lastverteilende Rahmen, Verankerungen in tragfähigen Bauteilen, lokale Verstärkungen oder eine Verlegung der Schutzlinie. Auch Abdichtung, Wasserführung, Korrosionsschutz und Wartungszugang müssen bereits in der Detailplanung berücksichtigt werden.
Wirksamer Perimeterschutz in Innenstädten beginnt mit einem umfassenden Verständnis des Standorts – von den alltäglichen Nutzungen über die historische Bausubstanz bis zum Untergrund. Werden diese Voraussetzungen frühzeitig einbezogen, entstehen Lösungen, die im Alltag funktionieren, verlässlich schützen und zugleich den Charakter der Stadt bewahren.

Autor

Alexander Stark
Alexander Stark