Pläne, Sicherheitskonzepte und Schwachstellenanalysen haben einen klaren Zweck: Sie helfen Betreibern, Gefahren zu erkennen und ihre Anlagen besser zu schützen. Genau deshalb sind solche Informationen besonders sensibel. Welche Bereiche einer Anlage sind besonders kritisch? Wo befinden sich Zufahrten? Welche Komponenten müssen besonders geschützt werden? Wo wurden Schwachstellen festgestellt? Welche Sicherheitssysteme sind vorhanden? Welche Maßnahmen greifen im Notfall?
Gelangen entsprechende Informationen in die falschen Hände, können sie unter Umständen dazu beitragen, ein genaues Bild einer Anlage und ihrer Schutzmechanismen zu gewinnen. Ein Angreifer müsste Schwachstellen dann möglicherweise nicht erst vor Ort identifizieren. Informationen aus dem digitalen Raum könnten zur Vorbereitung eines physischen Angriffs genutzt werden.
Damit verändert sich auch die Vorstellung davon, was geschützt werden muss. Der physische Perimeter besteht nicht nur aus Zaun, Tor, Zufahrt und Gelände. Auch die Informationen, die diesen Perimeter beschreiben, sind ein schützenswertes Gut.
Cyber und Physical Security: Zwei Seiten derselben Sicherheitsstrategie
Die Digitalisierung hat den Schutz von Gebäuden, Industrieanlagen und kritischer Infrastruktur grundlegend verändert. Kamerasysteme sind vernetzt, Zutrittskontrollen werden digital gesteuert, Sensoren liefern kontinuierlich Daten und Leitstellen führen Informationen unterschiedlicher Sicherheitssysteme zusammen. Diese Vernetzung eröffnet große Chancen. Informationen können schneller ausgewertet, Ereignisse früher erkannt und Sicherheitsprozesse teilweise automatisiert werden. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten zwischen digitaler und physischer Sicherheit.
Denn die Verbindung funktioniert in beide Richtungen. Ein Cyberangriff kann Informationen offenlegen, die für die physische Sicherheit einer Anlage relevant sind. Umgekehrt kann ein physischer Angriff auf technische Komponenten, Kommunikationswege oder schlecht geschützte Zugänge Auswirkungen auf digitale Systeme haben. Und ein Angriff auf vernetzte Sicherheitstechnik kann wiederum die Fähigkeit beeinträchtigen, physische Gefahren zu detektieren oder zu verifizieren. Cyber- und physische Sicherheit getrennt voneinander zu betrachten, greift deshalb zunehmend zu kurz. Je stärker physische Sicherheitssysteme digitalisiert und vernetzt werden, desto stärker wird Cybersicherheit selbst zum Bestandteil des Perimeterschutzes.
NIS-2 und KRITIS-Dachgesetz: Auch regulatorisch wächst zusammen, was zusammengehört
Diese Entwicklung zeigt sich inzwischen auch im regulatorischen Rahmen. Mit dem NIS-2-Umsetzungsgesetz, das seit dem 6. Dezember 2025 gilt, wurden die Anforderungen an die Cybersicherheit zahlreicher Unternehmen und Einrichtungen deutlich ausgeweitet. Dazu gehören unter anderem Vorgaben zum Risikomanagement sowie Registrierungs- und Meldepflichten. Mit dem KRITIS-Dachgesetz ist 2026 eine weitere Ebene hinzugekommen: der physische Schutz kritischer Anlagen. Ziel ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, geeignete Resilienzmaßnahmen zu ergreifen und die Handlungsfähigkeit bei Störungen und Krisen zu stärken. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) beschreibt die Entwicklung selbst als Erweiterung des regulatorischen Rahmens um den physischen Schutz kritischer Infrastruktur. Damit werden digitale und physische Resilienz regulatorisch zwar in unterschiedlichen Regelwerken adressiert, in der betrieblichen Praxis treffen sie jedoch auf dieselben Anlagen, Prozesse und Verantwortlichkeiten.
Für Betreiber stellt sich deshalb nicht nur die Frage, ob die eigene IT ausreichend geschützt ist oder ob Zaun, Videoüberwachung und Zutrittskontrolle dem jeweiligen Risiko entsprechen. Entscheidend ist das Zusammenspiel: Welche digitalen Informationen sind für die physische Sicherheit relevant? Wer hat Zugriff darauf? Wie werden sie gespeichert und ausgetauscht? Welche Folgen hätte ihre Kompromittierung? Und welche physischen Sicherheitssysteme sind ihrerseits von digitalen Systemen und Daten abhängig?
Digitalisierung schafft Chancen – und neue schützenswerte Daten
Diese Frage gewinnt mit der fortschreitenden Digitalisierung weiter an Bedeutung. Ein Beispiel dafür ist der digitale Zwilling. Gebäude, Gelände, Zäune und Zufahrten, aber auch Schäden können digital erfasst und zu einem detaillierten Abbild einer Anlage zusammengeführt werden. KI-basierte Systeme können Objekte erkennen, kritische Abstände analysieren und dabei helfen, Gefahren oder Schwachstellen zu identifizieren. Perspektivisch lassen sich Sicherheitsbewertungen mit Anforderungen und Schutzkonzepten abgleichen und daraus Maßnahmen ableiten. Für die Sicherheitsplanung eröffnet das neue Möglichkeiten. Je vollständiger das digitale Lagebild ist, desto gezielter können Risiken erkannt und Schutzmaßnahmen geplant werden. Doch daraus folgt gleichzeitig eine zweite Aufgabe: Je detaillierter das digitale Abbild einer Anlage wird, desto sensibler können die darin enthaltenen Informationen sein. Ein Datensatz, der für Sicherheitsverantwortliche wertvoll ist, kann unter Umständen auch für einen Angreifer wertvoll sein.
Der Cyberangriff auf das Berliner Landesnetz macht deutlich, wie schnell die Grenzen zwischen digitaler und physischer Sicherheit verschwimmen können. Noch wird ausgewertet, welche Daten konkret abgeflossen sind und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Doch unabhängig vom Einzelfall zeigt das Szenario eine grundlegende Herausforderung für den Schutz kritischer Infrastruktur.
Sicherheitsverantwortliche müssen heute nicht mehr nur wissen, wo physische Schwachstellen bestehen. Sie müssen auch wissen, wo Informationen über diese Schwachstellen liegen, wer darauf zugreifen kann und was passiert, wenn diese Informationen kompromittiert werden. Dafür braucht es integrierte Sicherheitskonzepte, die Cyber- und physische Risiken gemeinsam betrachten: vom Status quo über Gefährdungs- und Risikoanalysen bis hin zu technischen und organisatorischen Schutzmaßnahmen, Verantwortlichkeiten und Notfallplänen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sieht genau diese systematische Erfassung und Minderung von Risiken als Bestandteil eines umfassenden Risiko- und Krisenmanagements für kritische Infrastrukturen. An dieser Schnittstelle entwickelt sich auch der Perimeterschutz weiter.
Auf der Perimeter Protection vom 19. bis zum 21. Januar 2027 in Nürnberg treffen physische Sicherheit, Digitalisierung und innovative Sicherheitstechnologien aufeinander. Von intelligenten Kamerasystemen und Zutrittskontrollen über KI-basierte Anwendungen bis zum digitalen Zwilling geht es dabei zunehmend um eine gemeinsame Frage: Wie lassen sich neue technologische Möglichkeiten nutzen, ohne dabei neue Sicherheitslücken zu schaffen? Denn in einer vernetzten Sicherheitswelt gilt mehr denn je: Wer den physischen Perimeter schützen will, muss auch seine digitalen Informationen schützen.